Schweini und die Spielautomaten

„Das soll wohl ein Witz sein, Spielautomaten und fair?“, dachte ich überrascht als ich dieser Tage Fahrrad fuhr und dabei zufällig „unseren“ Weltmeister Bastian Schweinsteiger auf einer Plakatwand sah: Ich hatte im Vorbeifahren unter Schweinis Konterfei die Worte „Automatenwirtschaft“ und „das Allerwichtigste ist, dass du fair spielst“ aufgeschnappt. Glücklicherweise ist mein Hirn zu mehr in der Lage als zum obigen singulären Gedanken, der reflexartig wie eine Erruption aus dem stumpfen Unterbewusstsein hervorgedrückt wurde. Die Frage ist aber, ob das bei genügend anderen Betrachtern dieser Werbung ebenfalls der Fall ist.

Schweini und Spielautomaten_mittelDenn genau darum geht es bei dieser Werbung: Sie soll zum längeren Denken anregen. Und so über tradierte, festgefahrene Meinungen zu Spielautomaten hinweghelfen. Um einen Weg zu einer Sicht zu eröffnen, wonach Spielautomaten nicht zwangsläufig zu Spielsucht führen, wenn gewisse Regeln eingehalten werden wie kein Alkohol und geschultes Personal am Ort des Zockens. Der Interessensverband Deutsche Automatenwirtschaft, unter dessen Dach mehr als 5000 Unternehmen organisiert sind, will mit dieser Kampagne klar machen, dass es nicht nur Spelunken und Eckkneipen mit Daddelautomaten gibt, in denen süchtige Spieler Haus und Hof verzocken, sondern dass die Branche sehr wohl viel für den Spielerschutz tut und Verantwortungsbewusstsein hat.

Diese Aussage soll vor allem bei Politikern ankommen. Sie sollen wegen dieser Werbung ins Grübeln kommen. Denn die Politik macht den Aufstellern, dem Automaten-Großhandel, den Produzenten und den Spiel- und Gaststätten, in denen die Automaten stehen, seit Jahren das Leben schwer.

Seit 2013 führt die Deutsche Automatenwirtschaft regelmäßig sogenannte Aufklärungskampagnen durch. In der vorherigen Werbung wurde mit Motiven gearbeitet, die die Regeln für Spielhallen in der Optik von Spielautomaten in Szene setzten. Zu den Forderungen des Verbands gehören biometrische Zugangskontrollen zu den Spielhallen, eine bundesweite spielübergreifende Spielersperrdatei, eine unabhängige Zertifizierung der Spielhallen nach Verbraucherschutzkriterien sowie einen qualifizierten Berufszugang zum Beruf des Automatenunternehmers.

Automatenwirtschaft leidet unter Vorschriften-Wirwarr

Warum das Ganze? Weil die Branche seit Jahren von allen Seiten Druck bekommt. Seit 2017 gelten verschärfte Bedingungen für die Betreiber, eine Gemeinde nach der anderen greift durch und schließt Spielstätten. Oder versucht es zumindest: Schätzungen zufolge sollen sich in Deutschland derzeit mehrere tausend Gerichtsverfahren mit Glücksspiel befassen. Problematisch für die Branche ist grundsätzlich, dass je nach Bundesland andere Bestimmungen gelten, die von den Kommunen auch noch unterschiedlich umgesetzt werden. Mal bestehen die Verwaltungsbeamte auf 100 Meter Abstand zwischen zwei Spielhallen, andernorts sind es 500 Meter.

Arbeitsplätze in Gefahr

Bei unveränderter Rechtslage könne mit einem Abbau von mehr als der Hälfte aller Geldspielgeräte gerechnet werden, warnte das Münchener ifo-Institut unlängst. Die Wirtschaftsforscher haben die Branche im Auftrag der Automatenwirtschaft in einer im Sommer veröffentlichten Studie untersucht. Derzufolge gibt es deutschlandweit 255 000 Spielautomaten – 14 000 weniger als vier Jahre zuvor. Ein klarer Abwärtstrend also – zumindest wenn es nach der von der Automatenwirtschaft finanzierten Studie geht. Die Apparate verteilen sich auf etwa 9000 Spielhallen und rund 60 000 gastronomische Betriebe. Die Branche erzielte damit vergangenes Jahr einen Umsatz von sieben Milliarden Euro.

Verordnung verstärkte Sorgen der Branche

Die Spielautomatenbranche ist also ein Big-Player, wenn man so will, der es gar nicht gefällt, wenn ihr die Politik das Geschäft verleidet. Genau das war ab dem 11. November 2013 verstärkt der Fall: Dann trat eine neue Spieleverordnung in Kraft. Spieler sollten dadurch künftig weniger verzocken können als vorher. Und zwar durch mehrere Neuerungen wie unter anderem den folgenden: Die Automaten sollen die Konsumenten nach drei Stunden zu Pausen zwingen. An mehreren Apparaten gleichzeitig zu spielen, soll ebenfalls der Vergangenheit angehören. Und die Verlustgrenze sinkt mit der neuen Verordnung von 80 auf 60 Euro in der Stunde. Maximaler Gewinn pro Stunde sind künftig nur noch 400 statt 500 Euro. Außerdem sollen sich Automaten nur noch mit einer Karte starten lassen, die der Betreiber ausgibt. Automaten, die die neuen Vorschriften nicht einhalten müssen spätestens nach fünf Jahren, also am 10. November 2018, aus dem Verkehr genommen werden.

Interessant ist hierbei eine Erkenntnis aus einer Evaluierung des Bundeswirtschaftsministeriums vom 30. Juli 2017. Dort heißt es, dass bisher praktisch keine Geldspielgeräte in Betrieb genommen, die der sechsten Spieleverordnung vom 11. November 2014 entsprechen. Das BWM vermutet, dass das daran liegt, weil die Branche davon ausgeht, dass neue, modifizierte Geräte weniger Spielanreize geben und daher wirtschaftlich weniger interessant sind. Mit anderen Worten: Noch in diesem Jahr müssen alle rund 255 000 Automaten durch neue Geräte ersetzt werden. Ein monströser Investitionsbedarf.

Vetreter der Automatenwirtschaft jaulen ob dieser Verordnung wie getretene Hunde. Statt die Maßnahmen als weitere Maßnahmen zum Spielerschutz zu loben, geben sie seit Jahren in verschiedenen Medien ihre Befürchtungen zu Protokoll: Durch die neue Verordnung werde der Trend zur Abwanderung der Spieler in Online-Glücksspiel verstärkt. Also dahin, wo viele Anbieter aus dem europäischen und nicht-europäischen Ausland sitzen, die sich an überhaupt keine deutschen Vorschriften halten – und damit die Erzfeinde der hiesigen Branche sind. Laut ifo stand 2006 dieser größtenteils unregulierte und illegale Bereich noch für fünf Prozent vom Umsatz der deutschen Glücksspielindustrie. Inzwischen liegen die sogenannten Bruttospielerlöse dort laut ifo-Institut bei 20 Prozent.

Schweinsteiger als passendes Testimonial soll es richten

Die Branche versucht seit Jahren, die Politiker zu einer für sie besseren Glücksspielgesetzgebung zu bewegen – damit sie so vor der Konkurrenz im Internet besser geschützt sind. Bislang mit sehr mäßigem Erfolg. Nun soll es also Schweini richten. Ein Fußballstar, der schon immer sehr authentisch und ehrlich rüberkam. Und der durch den WM-Titel 2014 sowie sein wechselhaftes Karriereende, das mit der bösen Degradierung zum Auswechselspieler bei Manchester United und der Flucht nach Chicago mit einer Bilderbuch-Heirat und Vaterfreuden ein drehbuchreifes Happy-End beinhaltete, hohe Sympathiewerte bei den Deutschen hat. Ein unantastbares Testimonial also, das perfekt zu den Zielen der Kampagne der Deutschen Automatenwirtschaft passt.

Der Verband der Deutschen Automatenwirtschaft wird den Filmclip mit dem Fußball-Star auf 482 Kinoleinwänden in allen Landeshauptstädten zeigen, sechs Wochen lang. Im TV sind 670 Schaltungen gebucht, auf Youtube und Newsportalen millionenfache Ansichten. In 20 politischen Magazinen sind Anzeigen geschaltet, 3500 Plakate werden in den kommenden zwei Wochen über die Republik verteilt, anfangs noch mit Schweinsteiger, in der zweiten Woche mit Mitarbeitern aus der Branche. Über Berlin, Hannover, Hamburg und Stuttgart wird Schweini sogar auf Riesenpostern abgebildet sein.

Imageverbesserung in nur knapp zwei Monaten?

Ein ziemlich großer Aufriss also. Dessen Budget ich mitsamt Schweinis Millionengage auf einen einstelligen, mittleren Millionen-Betrag schätze. Ob in knapp zwei Monaten die Ziele der Automatenwirtschaft erreicht werden können, wage ich zu bezweifeln: Eine Verbesserung des Images gelingt eigentlich nur, wenn man dafür mehrere Jahre wirbt. Aber vermutlich geht es auch mehr darum im Nachhinein mit Politikern ins Gespräch zu kommen, indem man auf diese Kampagne mit Schweini verweist, so der Marke „haben Sie die Werbung mit Schweini gesehen?“.

Meiner Meinung nach müssten Sportvermarktungsagenturen wie Lagardere oder Infront die Vertreter der Deutschen Automatenwirtschaft als Werbepartener für Sportverbände oder -klubs versuchen zu akquirieren. Mit dem Argument, das die aktuelle Kampagne mit Herrn Schweinsteiger zu wenig ist, um wirklich etwas zu erreichen.

Schweini ein Zocker-Schwein?

Ich stelle mir aber die Frage, warum Schweinsteiger das macht. Schließlich riskiert er doch, mit negativ konnotierten Assoziationen zu Geldspielautomaten in Verbindung gebracht zu werden. Worunter sein Image leiden kann. Es könnte sich der Gedanke verfestigen: Schweinsteiger ist ein armer Spielteufel. Oder hat irgendwas mit Geldspielautomaten zu tun.

Die Gage sollte kein Grund für ihn sein – er könnte auch für andere Unternehmen werben. Das Argument, Schweini würde inhaltlich ja nicht für die Automatenwirtschaft werben, sondern für fünf Regeln in Spielstätten (Zutritt ab 18, kein Alkohol, geschultes Personal, Spielerschutz, geprüfte Qualität), überzeugt mich nicht. Dieses Argument verleugnet nämlich das Phänomen des Imagetransfers: Das positive Image des Testimonials macht nicht nur die Werbeaussage glaubwürdiger, sondern färbt (oft unbewusst) auch auf das beworbene Produkt oder Unternehmen ab. Insofern wirbt Schweini zumindest indirekt sehr wohl für die Automatenwirtschaft. Für eine Branche also, die bei allen Bemühungen um Spielerschutz trotzdem den herausragenden Teil der rund 500 000 Menschen in Deutschland mit problematischen oder sogar pathologischem Umgang mit Glücksspiel einen Anreiz zum zerstörerischen Verhalten gibt, eine Möglichkeit zum Suchtausleben gibt. Das geht aus dem „Jahrbuch Sucht“ der Deutschen Hauptstelle für Suchtanfragen hervor. Demnach spielen über 70 Prozent der Menschen, die wegen einer Glücksspielsucht eine Beratungsstelle aufsuchen, an Geldspielautomaten.

Und die Kampagnen-Aussage „das Allerwichtigste ist, dass du fair spielst“ ist leider auch auf den zweiten Blick ein schlechter Witz: Die Automaten sind so eingestellt, dass im Durchschnitt nur 60 Prozent des in sie eingesteckten Geldes wieder an die Spieler ausgeschüttet werden – 40 Prozent gehen als Erlös an die Automatenindustrie. Fair ist ein Geldspielautomat demnach nicht. Eher ein kalkulierter, programmierter Geldabsahner, der mittels bestimmter Reize und Mechanismen dafür anfällige Menschen ausnutzen soll.

Aber es soll ja Menschen geben, denen ist all das bewusst und zocken trotzdem. Weil es ihnen Spaß macht. Genauso wie es Menschen gibt, die liebend gern Junkfood in sich hineinstopfen. Obwohl sie wissen, dass sie dadurch fett werden und lebensbedrohende Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck bekommen können. Da fällt mir gerade ein: Schweinsteiger hat ja auch schon für Chips Werbung gemacht. Na, da passt das Werben für Spielautomaten in einer unschönen Hinsicht schon wieder. Fehlt ja nur noch Werbung für richtig harten Alkohol.

 

Mehr Zahlen und Fakten zum Thema Glücksspielverhalten und Glücksspielsucht in Deutschland gibt es hier: https://www.bzga.de/forschung/studien-untersuchungen/studien/gluecksspiel/?sub=112

Text mit jemandem teilen? Dann... Email this to someoneTweet about this on TwitterShare on FacebookShare on Google+

Noch keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort

Required
Required
Optional

XHTML: Du kannst diese Elemente nutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>